Falsche Perspektiven

Falsche Perspektiven

Vor ein paar Tagen wurde in der Zeitung über mich berichtet. Zwar keine namentliche Erwähnung, aber immerhin. Ich hätte gut darauf verzichten können. Heute, nach einer Woche, kann ich das Unglück, aber auch das Glück zu leben, immer noch nicht fassen. Blauer Himmel, die Sonne im Rücken, mit dem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit nach H.

Ich würde heute eine der Alternativstrecken fahren, ein kurzer Abschnitt auf der Landstraße, ansonsten Fahrradwege. Landstraße, Licht, Wind und Gedanken. Kein Schlag, keine Erkenntnis, ich liege plötzlich im Graben. Einfach so, ohne ersichtlichen Grund. Schmerzen. Ein Traum. Kein Traum. Ich sehe den blauen Himmel. Falsche Perspektive. Ein Frau die mich bettet. Es täte ihr leid, sie hätte mich nicht gesehen. Schmerz. Ein Mann hockt oben am Rand und schaut auf mich herab. Schatten. Noch mehr Menschen. Betasten. Fragen. Ich antworte. Dort ist der Schmerz. Ein Bahre, die sich von beiden Seiten unter mich schiebt. Hinauf ins Fahrzeug unter Tohuwabohu. Piepen. Kabel und Schläuche werden befestigt, zerschnittene Kleidung, flirrende Lichter und Fragen über Fragen. Licht im Auge. Schmerz. Auf der Intensivstation nach unruhigen Schlaf, benebelt, an piepsenden, lärmmenden Maschinen befestigt, halb aufgewacht. Man sagt mir, Glück im Unglück, ohne dem jetzt zerbrochen Helm wäre ich womöglich mausetot. Wahrscheinlich. Keine Erinnerung. Ein Fahrzeug hat mich ungebremst mit 70 km/h von der Fahrbahn gerammt. In hohen Bogen vom Fahrrad in einen zwei Meter tiefen Graben geflogen, aufgeprallt. Schulter, Rücken und Kopf. Rockwood 5, SHT 1. Grades, HWS Distorsion, flächig und reichlich Prellungen und Schürfen, mordsmässige Beckenprellung. Ach ja, die unbeschädigte Apple Watch hat fleißig aufgezeichnet und so konnte ich trotz Blackouts den exakten Unfall feststellen.

Heute Nacht liege ich im kühlen Garten, ein leichter Wind, der Hund liegt neben mir und träumt, ein Igel raschelt im Beet, keine krakeelenden Nachbarn und der Sternenhimmel über mir glitzert. Direkt über mir Ursa Major, der große Bär, rechts davon der Löwe. Würde ich aufstehen, sähe ich weiter rechts Jupiter und Saturn. Ganz sicher Glück im Unglück.

Morgen werde ich operiert. Ich kann es nicht lassen und habe gegoogelt: »bei schulter op verstorben«. Wusstet ihr, das der Gitarrist von Status Quo während einer Schulter-Operation gestorben ist. Grundgütiger.

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